Jun 13 2016

Wie tickt Ihr Gehirn? Tick tack? Fast.

Sind Sie gespannt herauszufinden was in Ihrem Gehirn während eines Tages passiert und wie Sie Kontrolle gewinnen können? Lassen Sie Sich überraschen. Hier finden Sie eine neue Leseprobe aus meinem Buch.

Leseprobe (S.69 – S. 72) aus ‘Wie das Gehirn Spitzenleistung bringt. Mehr Erfolg durch Achtsamkeit. Methoden und Beispiele für den Berufsalltag.’ Karolien Notebaert & Peter Creutzfeldt, veröffentlich vom F.A.Z. Buchverlag (Juni 2015).

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Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie hatten letzte Nacht wirklich guten Sex. Zweimal. Ihr Schlaf war lang und erholsam. Sie machen sich für die Arbeit fertig, erhalten ein Kompliment von Ihrem Partner, der Ihnen sagt, wie toll Sie doch heute aussähen (klar, auch er hatte guten Sex) und Ihre Kinder verhalten sich wie kooperative Verbündete und machen sich widerstandslos für die Schule fertig. Sie arbeiten an einem aufregenden Projekt, in dem Sie völlig aufgehen. Sie wachsen über sich selbst hinaus und fühlen sich während des ganzen Tages einfach fantastisch. Das bleibt natürlich nicht unbemerkt und Ihr Chef schickt eine E-Mail herum, um Ihre überaus wertvolle Arbeit zu würdigen. Spät am Abend gönnen Sie sich ein langes Gespräch mit einem Freund, von dem Sie schon so lange nichts mehr gehört haben. Und warum nicht, vielleicht haben Sie heute Nacht wieder Sex. Das Leben ist toll.

Und nun stellen Sie sich die folgende Situation vor: Ihr Partner hatte letzte Nacht Kopfschmerzen. Kein Sex. Schon wieder. Sie fühlen sich zurückgewiesen und fangen an, sich zu fragen, ob Sie Ihre Attraktivität verloren haben. Und Sie sind gerade einmal 42! Nach einer unruhigen Nacht und zu wenig Schlaf wecken Ihre Kinder Sie um 5 Uhr morgens und weigern sich, wieder zurück ins Bett zu gehen. Es regnet in Strömen, aber Ihre Tochter besteht darauf, ein Kleid zu tragen. Während Sie mit Ihrer dreijährigen Tochter verhandeln und ihr den grundlegenden Unterschied zwischen Herbst und Sommer erklären, wird es immer später und Sie werden zunehmend gestresster. Sie schaffen es zwar alle ins Auto, aber durch die Verzögerungen bleiben Sie im Berufsverkehr stecken. Noch mehr Stress. Wenigstens trägt Ihre Tochter kein Kleid. Den ganzen Tag rennen Sie von Meeting zu Meeting und zu allem Überfluss scheint Ihr Team ein Problem zu haben und nicht mehr weiter zu wissen, aber es fehlt Ihnen an Zeit, sich darum zu kümmern. Nachdem Sie diesen anstrengenden Tag hinter sich gebracht haben, baden Sie die Kinder, während Sie zur gleichen Zeit versuchen das Abendessen vorzubereiten. Das Essen brennt an, aber Sie schaffen es irgendwie, den Schaden in Grenzen zu halten und endlich sitzt die ganze Familie am Esstisch. Endlich etwas Ruhe, bis Ihr Partner fragt: „Was zum Teufel hast du denn mit dem Essen gemacht?“. Bevor Sie sich dazu entschließen, die Scheidung einzureichen, lassen Sie uns Ihnen (und Ihrem Partner) erklären, was in einer solchen Situation in Ihrem Gehirn vor sich geht. Eines der bekanntesten Modelle in diesem Bereich ist das Kraftspeichermodell der Selbstregulation (engl.: strength model of self-control), welches die Eigenschaften der Selbstregulation als eine Art Muskel beschreibt. So wie ein Muskel nicht dauerhaft angespannt sein kann, können wir auch unsere Selbstregulation nicht pausenlos nutzen. Wir besitzen nur einen begrenzten Speicher an Selbstregulation. Sind wir ständig Situationen ausgesetzt, die Selbstregulation erfordern, geraten wir kurzfristig in einen Zustand, in dem wir nicht mehr genügend Selbstregulation auf bringen, um mit uns selbst oder bestimmten Situationen umgehen zu können. Dieser Zustand wird Erschöpfung der Selbstregulation genannt (engl.: self-control depletion). Wir benötigen unsere Selbstregulation, wenn wir uns selbst davon abhalten wollen, nachts grübelnd wach zu liegen, wenn wir versuchen, trotz Schlaf- mangels konzentriert zu bleiben oder wenn wir unsere Gefühle während des morgendlichen Stresses kontrollieren möchten. Wenn wir nicht wissen, wie wir mit unseren Emotionen richtig umgehen und uns selbst kontrollieren können, ist unsere Selbstregulation schnell erschöpft. Das ist der Moment, in dem wir nicht mehr in der Lage sind, mit unseren negativen Gefühlen umgehen zu können, sodass wir möglicherweise Dinge sagen, die wir später bereuen oder unsere Geduld während eines Streits verlieren. Wir alle kennen diese Momente. Wir brauchen eine Pause.

Eine aktuelle Studie hat untersucht, was in unserem Gehirn vor sich geht, wenn unsere Selbstregulation erschöpft ist. Personen mit erschöpfter Selbstregulation zeigten in dieser Studie im Vergleich zu Personen mit unverbrauchter Selbstregulation eine deutlich erhöhte Reaktivität der Amygdala wenn sie negative Reize wahrnahmen. Das heißt, in diesem erschöpften Zustand reagieren wir besonders sensibel auf negative Ereignisse in unserem Leben. Neutrale Fragen werden als Kritik wahrgenommen, Kritik sehen wir als Bedrohung an. Darüber hinaus zeigten die Ergebnisse einen verminderten Einfluss des Präfrontalkortex, der an der Regulation unserer Emotionen beteiligt ist, auf die Amygdala. Das legt nahe, dass wir nicht nur besonders sensibel auf negative Ereignisse reagieren, sondern zusätzlich nicht in der Lage sind, die Gehirnregionen zu nutzen, die unsere negativen Gefühle kontrollieren. Genau das ist der Grund dafür, dass wir von unserem Partner übermäßig genervt sind, wenn er uns nach einem anstrengenden Tag fragt, was zum Teufel wir mit dem Essen gemacht hätten, warum wir uns gegenüber unseren Kindern schroff verhalten, wenn wir bemerken, dass wir zu- statt abgenommen haben oder warum wir eher dazu neigen, am Abend ein Glas Wein zu trinken, nachdem wir einen erfolglosen Tag auf der Arbeit hatten. Wir sind ratlos.

Die Tatsache, dass unsere Selbstregulationsfähigkeit nicht unerschöpflich ist, liegt an der begrenzten Kapazität unseres Präfrontalkortex. Dieser ist, evolutionär gesehen, eine sehr junge Hirnstruktur, deren Größe und Funktion uns von Tieren unterscheidet: wir können unsere Instinkte, Impulse und Emotionen regulieren. Wir können denken, mit anderen kooperieren, etwas geben ohne eine Gegenleistung zu erwarten, wir haben Geduld, wir können komplexe Probleme organisieren und lösen. Dies alles sind Funktionen des Präfrontalkortex. Wenn wir die Kapazität unseres Präfrontalkortex erhalten, gibt uns das die Möglichkeit, unser Potential voll auszuschöpfen und das Beste aus uns herauszuholen.

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